Geschichtsforschung
Wenn wir ermitteln wollen, wie die Transformationen der Körperarchitektur der Tiere in der Evolution verlaufen sind, so begeben wir uns auf das Feld der Historischen Wissenschaft. Hier gilt: einen Vorgang der Vergangenheit kann man nicht einfach an heutigen Dingen und Zuständen ablesen, sondern man muss ihn aus heutiger Kenntnis rekonstruieren und kann diese Rekonstruktion dann als einen Vorgang, als eine Geschichte, erzählen. Der heutige Gegenstand ist damit zugleich Ausgangspunkt und Endpunkt des wissenschaftlichen Vorgehens. Diese Dualität des Vorgehens ist typisch für alle historische Forschung.
Tatsächlich sind die real existierenden fossilen und heutigen Tiere die Ausgangsbasis unserer Betrachtung. An ihnen untersuchen wir, wie der Körper der Tiere im Allgemeinen oder ein spezieller Konstruktionstyp gebaut ist und wie er funktioniert. Wir erkennen daran Bau- und Funktions-Prinzipien.
Geschichtsforschung – das Tierreich
Die Evolution der Organismen ist die Transformation der Körper-Bautypen, und deswegen ist zu argumentieren über deren Baustoffe und ihre Materialeigenschaften und die von ihnen bedingten Bauprinzipien. Wie schon im ersten Teil zur Frankfurter Theorie erklärt, sind alle Organismen hydrostatische Weichkörper, die sekundär feste Bauteile aus organischer oder mineralischer Substanz einbauen können.
Die spezifischen Baustoffe der Tiere sind Zellen und Bindegewebe, nämlich Kollagenfasern (elastisch oder mit Zugfestigkeit), die in der mehr oder weniger viskosen („gallertigen“) extrazellulären Matrix (ECM) liegen. Zellen und Bindegewebe sind im Körper auf vielerlei Aufgaben spezialisiert und nehmen dementsprechend unterschiedliche Formen an.
Zellen und Zell-Aufbauten sind mechanisch gesehen Flüssigkeitskörper mit flexibler Umhüllung: im einfachsten Fall die Zellmembran. Ein solcher Körper mit gleichförmiger Membran nimmt die Form einer Kugel an. Jede andere Form muss durch Fasern und durch starre Bauteile gegen die Kugelform erzeugt werden.
Nur auf dieser Ebene kann über die allmähliche Transformation der Konstruktions-Typen der Tiere argumentiert werden.
Rekonstruktion – die Terminologie
Diese Argumentation verleiht den Teilen des Körpers, für die es feststehende zoologisch-anatomische Namen gibt, eine explizit technische Zuweisung. Das sei an einem konkreten Fall verdeutlicht:
Wir beschreiben den Regenwurm als hydrostatischen Körper mit rechts/links symmetrisch serial hintereinander angeordneten Flüssigkeitsräumen (den Coelomen) und Querwänden, die als Verspannungen wirken, Längs-, Schräg- und Ring-Fasern, die zugfest sind (Kollagenfasern) und solche, die kontraktil sind (Muskeln), mit einem durchlaufenden Kanal (Darm), einer außen liegenden Schicht von gekreuzten Kollagenfasern (Cuticula) – und wir beziehen so viele Details ein, wie uns nötig erscheinen.
Wir sprechen und argumentieren dann nur noch über diese Körperkonstruktion und ihr Funktionieren, d.h. ihre Arbeitsweise in sich selbst und gegenüber der umgebenden Welt, ihre ökologische Relation, und schließlich reden wir über ihre Möglichkeiten, sich allmählich zu wandeln.
Um die grundlegenden Linien des Tierreichs zu ermitteln, rekonstruieren wir das Urtier als den einfachst möglichen Körper aus den zwei Bauteilen Zellen und gallertig gelagerte Kollagenfasern. Daran anschließend ist der Weg zu rekonstruieren, auf dem die verschiedenen Bautypen entstehen konnten. Die Tiere einer fernen Vergangenheit können nur als Konstruktionstypen dargestellt werden, aus denen die uns bekannten fossilen oder heute lebenden Tier-Bautypen hervorgegangen sind.
Theorie und grafische Darstellung
In Begriffen der Wissenschafts-Philosophie sind diese Rekonstruktionen Modelle für Evolutionsverläufe. Nur sie können erstellt, diskutiert und gegebenenfalls durch Nachweis eines Fehlers falsifiziert werden.
Im Gegensatz dazu bleiben Beschreibung und Vergleich real existierender heutiger oder fossiler Tiere – und die daraus folgende Diskussion darüber – auf der Ebene des Naturalismus haften. Sie können nicht auf die Ebene der Kausalität der Transformationen gelangen.
Die Ergebnisse dieser Arbeitsmethode, die in zahlreichen Arbeiten veröffentlicht wurden, sind in der Grafik unseres Posters zusammengefasst (Aufl. deutsch2018, engl. 2021). Deswegen stehen im Zentrum lediglich Konstruktions-Zeichnungen für die Entwicklungslinien. Entlang des Randes sind reale Tiere dargestellt, deren Körperkonstruktion wir studiert und als Grundlage für unsere Rekonstruktion genommen haben; die realen Tiere wiederum sind das Ergebnis der rekonstruierten Evolutionsprozesse.