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Zur Entstehungsgeschichte der Frankfurter Evolutionstheorie

Die Frankfurter Evolutionstheorie entstand keineswegs, wie oft vermutet, aus philosophischen Erwägungen oder einer Kritik an der Darwinistischen Evolutionstheorie, sondern sie entstand aus Fragen, die sich in der Praxis zoologischer Arbeit stellten.

Bei der Untersuchung von Bau und Funktionsweise des Körpers der Tiere kam die Frage auf, wie die komplizierten Strukturen in der Evolution entstanden sein könnten. Das ließ sich nicht mit den klassischen Erklärungsmustern beantworten – nicht mit Umweltanpassung, die nach darwinistischer Vorstellung den Körper formt, und ebenso wenig mit der traditionellen Morphologie und Systematik, in denen die Arten nach äußeren und anatomischen Merkmalen beschrieben und in einem System nach Ähnlichkeiten angeordnet werden. Um eine Stammesgeschichte zu erstellen, handelte man nach dem Grundsatz: die einfach gebauten Tiere sind die ursprünglichen und die komplex gebauten stammen – irgendwie – von ihnen ab.

Alsbald wurde klar: Wenn wir über die möglichen Veränderungen des Körpers in der Evolution reden, so reden wir über ihn in seinen technischen Strukturen und deren Eigenschaften: zugfeste Fasern, Spannseile, Flüssigkeitsbehälter, -kanäle und -druck, starre und biegsame Bauteile, und dergleichen technische Begriffe mehr.

Der reale Tierkörper – oder ein Teil von ihm – wird zu einem technischen Gegenstand, und nur über ihn und seinen allmählichen Wandel in der Evolution kann man argumentieren.

Wir betreiben hier eine Morphologie der Körperkonstruktionen, eine „Konstruktionsmorphologie“ wie sie Hermann Weber (1950, 1954) vorgelegt hatte, damit aber unter den konservativen Morphologen keine Beachtung fand.

Die Konstruktionsmorphologie nahm am Forschungsinstitut Senckenberg in den 1960-1970er einen Aufschwung, neben der beschreibenden und systematisierenden Morphologie, wie sie für Forschungs-Museen spezifischer Arbeitsinhalt ist. Schon der frühere Senckenberg-Direktor Rudolf Richter hatte in den 1930er Jahren neben seinen geologischen und paläontologischen Arbeiten auch Konstruktionsmorphologie betrieben.

Wilhelm Schäfer, Direktor ab 1961, stellte die Frage nach Form und Funktion in den Mittelpunkt seiner Arbeit, was auch die Art der Ausstellung im damals neu gestalteten Museumsbereich zeigte. Schäfer betraute Wolfgang F. Gutmann mit der neu gegründeten Sektion Vergleichende Anatomie der Tiere, der bereits an der Senckenberg Station Wilhelmshaven einige konstruktionsmorphologische Arbeiten vorgelegt hatte, darunter eine beachtliche Analyse von Körperbau und -funktion der Aktinien (See-Anemonen).

Gutmann wandte sich Ende der 1960er Jahre einer der großen Fragen der Zoologie zu: Die Herkunft der Chordaten. Er trug das Ergebnis seiner Arbeit beim Phylogenetischen Symposium (1970) in Erlangen vor. Seine Aussage war: Die Evolution der Chordaten muss bei vielfach metamer gegliederten Tieren begonnen haben, und die einfach erscheinenden, wenig gegliederten Hemichordaten müssen die vereinfachten Bautypen sein.

Das drehte einen für sicher gehaltene Deutung eines Evolutionsverlaufs um 180° und widersprach allen zoologischen Überzeugungen. Aber schlimmer als das empfand man die Art und Weise der Argumentation: hier wurde ein Evolutionsverlauf rekonstruiert, indem technisch argumentiert wurde, und das widersprach der traditionellen Arbeitsweise der Morphologen und Phylogenetiker.

Damit war bei dem Treffen zu Erlangen, über die zoologischen Detail-Diskussionen hinaus, ein Methodenstreit des Fachgebiets ausgebrochen. Es kam zu einem dramatischen Zusammenstoß zwischen dem Neuerer Wolfgang Gutmann und dem konservativen Establishment (siehe dazu Peters 1998, Grasshoff 2014). Auf der sachlich-zoologischen und der methodologischen Ebene hatte Wolfgang Gutmann gewonnen. Doch dank institutioneller Macht behielt das konservative Establishment die Oberhand und setzte alles daran zu verhindern, dass die neue Sicht- und Arbeitsweise sich im Fachgebiet ausbreiten würde.

Am Senckenberg Forschungsinstitut führen einige Kollegen, die das Thema „Form und Funktion“ nicht aus dem Auge verloren hatten, ihre Arbeiten ihre Arbeiten fort. Der Diskussionsbedarf war groß. Wir organisierten „Arbeitsgespräche über Fragen der Phylogenetik“ in der Außenstelle Lochmühle im Spessart, zu denen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Instituten und anderen Fachbereichen eingeladen wurden. Man sprach über Wissenschaftstheorie, über Aspekte aus anderen Fachbereichen, über die der Evolution der Organismen und ihre Körperarchitektur bis hin zu deren Parallelen zur Leichtbautechnik. Die Diskussionen fern der Institutsverpflichtungen verliefen lebhaft, zeitweise heftig. Die Geschichte dieser Treffen ist noch zu schreiben.

Die Publikationsliste (siehe Literatur), von den Anfängen Mitte der 1960er Jahre bis zur Zusammenfassung der Zoologischen Ergebnisse auf dem Poster-Grafik 2018 und 2021 reicht, spiegelt die Entwicklung der Theorie und ihrer Arbeitsergebnisse.

Die Senckenberg Publikationsorgane waren die einzige Möglichkeit der Artikulation nach außen. Insbesondere die monatlich erscheinende Zeitschrift „Natur und Museum“ – im Grunde populärwissenschaftlich angelegt – hatte kurze Vorlaufzeiten und die Möglichkeit guter Illustrationen und eine weltweite Verbreitung mit einer Auflagenhöhe um 7000 Exemplare.

Die Kunst der Grafik wurde bei Senckenberg – vor allem durch den Einfluss von Wilhelm Schäfer – hochgehalten, ohne sie wären unsere Arbeiten nicht in dieser Qualität entstanden. Das Zeichnen selbst wurde zu einem Teil des Erkenntnisprozesses, in dem der real vorhandene Körper sich zur technischen Konstruktion wandelte, der erklärende Text entstand parallel oder erst in der Folge. Viele dieser Originale wurden von Grafikerinnen und Grafikern zu druckreifer Form nachgezeichnet; ihre Namen sind bei den Abbildungen in den Publikationen genannt.